Der Dechant wies darauf hin, dass vor 17 Jahren in Jakobsdorf die Generalkirchenvisitation unter dem Gottseligen Bischof Dr. Georg D. Teutsch, Carl Brantsch, Pfarrer in Großschenk als geistlicher Konsistorialrat und Bezirks-Dechant stattgefunden, um etwaige Mängel der Gemeinde zu beseitigen. Er sei auch diesmal, mit andern Herrn im Auftrag des bestehenden Gesetzes in die Gemeinde gekommen, der sein Onkel Wilhelm Kauffmann nun bald 34 Jahre als Seelsorger vorgestanden, zu dessen Familie auch er gehöre, da er aus diesem Pfarrhaus einst seine Braut geholt und also im eigentlichen Sinn des Wortes in die Heimat gekommen.

Er sei aber auch amtlich gerne gekommen, denn Jakobsdorf gehöre zu den Gemeinden, aus der die wenigsten Klagen eingegangen, deren Behebung der vorgesetzten Behörde leicht gewesen. Erfreulich sei es, dass nach den amtlichen Berichten von 1874 herwärts, wo die Gemeinde 577 Seelen gezählt, die Seelenzahl bis auf 661 gewachsen, also in 24 Jahren ein Zuwachs von 84 Seelen zu verzeichnen sei. Weniger erfreulich, ja höchst bedenklich sei aber die Tatsache, dass in 24 Jahren 21 unehelichen Geburten gewesen. Das zeige von einer Abnahme der sittlichen Kraft, welche in der Familie ihren Grund habe und wo auf diese kein Gewicht gelegt werde, da sei es schlecht bestellt um die Gegenwart und Zukunft eines Volkes. Um solches Umwesen zu steuern, sei es Pflicht der Lehrer im Unterricht, den sittlichen Gedanken bei den Schülern zu begründen, dass sie mit dem Grundsatz die Schule verliesen:

    Ich will ein sittlicher Mensch werden.

Weiterhin sei es notwendig dass das Gesetz welches verordnet, dass in der Rockenstube die Hausmutter oder der Vater zu Hause sein solle, eingehalten werde und die Burschen eine halbe Stunde früher den Ort verlassen, ferner: das Presbyterium und Ortsamt die Bestimmung treffe, die Tanzunterhaltung nur am Tage zu gestatten und dass nach 10 Uhr abends niemand sich mehr auf der Gasse zwecklos umhertreibe.

Was die Anzahl der schulbesuchenden Kinder anbelange, sei es erfreulich mitteilen zu können, dass in 24 Jahren ein Zuwachs von 49 Schülern zu verzeichnen sei. Dafür habe die Gemeinde Ursache zu danken und alles aufzubieten, dass sie stattliche Bürger werden.

Mit dem sittlichen Geist einer Gemeinde stehe in nahen Zusammenhang der Kirchenbesuch und die Teilnahme am Heiligen Abendmahl. Was den ersten betrifft, so müsse er bedauern vernommen zu haben, dass derselbe nicht ein allzu starker sei. Wenn eine Gemeinde so lange einen Seelenhirten gehabt, der, wie der wohlerwürdige Herr Pfarrer, trotz seines vorgerückten Alters alle Sonntage die Kanzel wohlvorbereitet besteige um seine Herde zu weiden, so sollte man denken die Herde würde folgen und dem Redner den unverdienten Schmerz leeren Bänken zu predigen, ersparen. Man gehe ja nicht dem Pfarrer, sondern sich selbst zulieb in das Gotteshaus. Wer habe mehr Ursache nach den 6 Tagen der Arbeit sich zu sehnen nach dem Ruhetag und im Gotteshaus Beruhigung und Frieden im Herzen zu finden, als der Landmann. Der Christ gehe aber auch um Gottes Willen in die Kirche, der die Völker führt und ihre Ernte bewahrt. Strafe ließe sich in dieser Hinsicht keine diktieren, wohl aber wolle er die Gemeinde ermahnen, den Sonntag zu heiligen, dem Pfarrer und sich selbst zulieb und dem Herrn zu Ehren. Betreffend die Teilnahme am Heiligen Abendmahl, welches jährlich dreimal zu verschiedenen Zeiten erteilt wurde, müsse er mit Bedauern bemerken, dass von so vielen Seelen laut Bericht im vergangenen Jahre nur 236 dasselbe empfangen. Er ersuchte, dieser Christenpflicht eingedenk zu sein und an dieser Handlung fleißig teilzunehmen, damit der nächste Jahresbericht erfreulicher sei.

Neben den gerügten Mängeln, bemerkt der Vorsitzer, könne er nicht umhin, auch einige Vorzüge der Gemeinde hervorzuheben und diese bestünden darin, dass Jakobsdorf mehrere stattliche Söhne dem Volk gegeben, die zum Teil sich noch dem Studium widmeten, zum Teil an verschiedenen Orten als Lehrer wirkten.

Übergehend auf die Schule, bemerkt Vorsitzer, dass die engen Räume des Hauses für die große Schülerzahl nicht mehr ausreiche und es notwendig sei eine zweckentsprechende zu bauen und nicht zu warten bis der staatliche Schulinspektor sie zuschliessen lasse. Es möge niemand dem Gedanken Raum geben, der Staat werde auf seine Kosten die Schule herstellen, diese müßten die Gemeinde tragen. Darum sie es notwendig, dringend notwendig, den Schulbau so bald als möglich vorzunehmen. Das Presbyterium und die Gemeindevertretung habe beschlossen zum Schulbau den vorhandenen Schulfond zu verwenden und das löbliche Bezirkskonsistorium sei darauf eingegangen unter der Bedingung, das Geld zu leihen zu nehmen und wieder an den Schulfond zurück zu zahlen, mit Interessen. Damit sei seiner Meinung nach nichts gewonnen, sondern verloren. Denn wenn dieser Fond nicht angegriffen würde, so könne er in kurzer Zeit zur Besoldung der Lehrer genügen und die Sache wäre geregelt. (Die Lehrer sollten von den Zinsen bezahlt werden.) Es handle sich um Herbeischaffung der Mittel. Jakobsdorf habe seit dem Pfarrhausbau im Jahre 1843 zu Schul und Kirchenbauten keine namhaften Opfer gebracht. Es heisse jetzt mit Kraft ans Werk gehen. Nachdem Vorsitzer noch mitgeteilt hat, wie die Gemeinde Schönberg, wo er früher Pfarrer gewesen, die Mittel zum Schulbau aufgebracht, empfiehlt er der Versammlung diesen Gegenstand auf das Wärmste.

Weiterhin macht er bekannt, dass nach dem Staatsgesetz, jedem Lehrer, welcher 5 Jahre an einer Schule gedient, eine Guingunalzulage von 50fl. ö. W. nebst seinem Gehalt gebühre, nach weiteren 5 Jahren abermals 50fl, so dass ein Lehrer nach 20 Jahren Dienstzeit 250 fl. erhalte. Dieses Gesetz trete mit 1 Oktober 1898 in Kraft.

Bezüglich des Wirtshausbesuchs teilte Vorsitzer mit, gehört zu haben, dass derselbe nicht stark sei und ersucht auch hinfort dabei zu bleiben.

Auf die Frage wie es mit der Begrenzung der kirchlichen Grundstücke stehe, wird geantwortet, dass dieselbe nicht immer zuverläßig sei. Die Umfriedigung des Friedhofs, der Dienst der Adjuvanten, die Teilnahme an den Presbyterial und Gemeindevertretungssitzungen betreffend, erhält Vorsitzer eine befriedigende Antwort. Ebenso bestätigt Pfarrer W. Kaufmann, dass die Kapitalien des Schulfonds teils in Agnetheln in der Vorschußkasse, teils in der Gemeinde selbst angelegt und bis auf eins auch intabuliert sei.

Den Volksschulgarten anbelangend, erhält das Presbyterium den Auftrag dafür zu sorgen, dass derselbe angelegt und seinem Zweck entsprechend verwendet werde.

Über den Erfolg der Leseabende von denen die Versammlung wünscht, dass sie neuerdings abgehalten werden möge, ist bis zum 1 Juni Bericht zu erstatten. Für Anschaffung und Erweiterung der Schul und Volksbibliothek ersucht Vorsitzer zu den Mitteln aus der Friedmannsstiftung noch 3 fl. aus der Kirchenkasse zu verwenden.

Auf die Frage des Vorsitzer ob der Hocherwürdige Herr Pfarrer der Gemeinde gegenüber eine Klage habe, erwidert derselbe: Im besonderen habe er nichts zu klagen, im allgemeinen möchte er wünschen, dass der Kirchenbesuch ein regerer und die häusliche Zucht gegen die konfirmierte Jungend und die Schulkinder eine strammere sein möge; ferner dass das Vermögen der Kirchenkasse, welches sehr geringe Einnahmen habe, vermehrt werde. Ebenso wurde der Prediger und die Lehrer gefragt, ob sie nichts zu klagen hätten. Nachdem von ihnen keine Klagen erhoben wurden, traten Pfarrer, Prediger und Lehrer auf kurze Zeit ab und als sie wieder in der Versammlung erschienen, erklärte Vorsitzer mit Freuden, dass Presbyterium und Gemeindevertretung sich einstimmig geäußert, mit allen Dienern der Kirche und Schule zufrieden zu sein und ersucht sie auch in Zukunft ihres Amtes treu und gewissenhaft zu walten.

Nachdem dann Vorsitzer die Kirchenväter und Lehrer ersucht, mit den Dokumenten und Schulsachen (Matrikel, Klassenbuch und Versäumnistabelle) auf dem Pfarrhof zu erscheinen, dass Presbyterium auf morgen früh 8 Uhr eingeladen sich in der Schule einzufinden, um den Unterrichtsproben beizuwohnen und dem Kurator Johann Grommes den Auftrag erteilt, anzuordnen, dass die Fortbildungsschüler und Schülerinnen und die ganze Bruder und Schwesternschaft um 10 Uhr in der Schule erscheine, schloß Hochderselbe unter dem feierlichen Klang der Glocken, welche alter Sitte gemäß um 8 Uhr geläutet wurde, die Sitzung mit Dank gegen Gott, der auch fürderhin mit uns sein und uns bewahren möge vor allem Unglück und seinen Segen geben wolle, auf dem Hattert, in der Kirche und Schule, in der Gemeinde und in allen christlichen Häusern.

Wilhelm Kaufmann

Pfarrer

Kommentar:

Kritik an der Jugend gehört zum Alter, das seine Jugendsünden vergessen oder verdrängt hat. Noch jede Generation hat der nachfolgenden “Verfall der Sittlichkeit” vorgeworfen.

Was hatte man den Jakobsdorfern denn schon anzukreiden? Für ganz Ungarn lagen die unehelichen Geburten bei 7,2%, im Sachsenland bei 5,1% und im Haferland etwas über dem sächsischen Schnitt - da paßte Jakobsdorf genau hin.

 

Lassen wir dazu Misch Orend, einen Jakobsdorfer, zu Wort kommen:

“Und weil für das junge Ehepaar die Eltern zunächst rangbestimmend sind, wird mit dem Burschen oder Mädchen zugleich die ganze Sippe in Betracht gezogen. Weiterhin sind es Rechtschaffenheit und offenes Wesen, die bewertet werden, gleichermaßen Wirtschaftlichkeit, strebsamer Wille und möglichst gleich viele Wirtschaftsgüter.

Was sie zusammenbrachte... ist klare Überlegung, beraten von der ganzen Familie, nicht selten von fremden Dorfgenossen, denn jede Ehe ist eine Dorfangelegenheit.

Den letzten Ausschlag bringt die Frage, nicht - ob sie sich lieben - sondern ob sie sich leiden können.”

          Aus dem Buch “Von siebenbürgisch-sächsischer Bauernart” aus dem Jahre 1929 von Misch Orend.