Bericht von Johann Schuff (Kurator in Jakobsdorf 1977 - 1987)

Wie war das doch so schön, wenn wir Kinder, zusammen mit der erwachsenen Jugend, die Musikanten unter der Leitung von Herrn Rektor Martini, begleiteten, wenn sie am 1 Mai, in aller Herrgottsfrüh, hinauf in den “Zinken” stiegen, welcher am Hakerech, hinter den Höfen Nr. 73 - 77, gleich unterhalb dem Waldesrand vom “Goasebäsch’’ liegt. Das Gras war noch taufrisch, aber das störte unseren kindlichen Übermut nicht, wenn wir bei dem hinaufsteigen auch nasse Füße bekamen, aber wir waren glücklich und froh auch dabei sein zu dürfen.

Unten im Dorf begann schön langsam der Nebel sich zu lichten und man sah hier und da einzelne Leute geschäftig hin und her zu eilen. Mittlerweile waren auch die Adjuwanten vollzählig und Herr Rektor hob den Taktstock und es erklang das ewig alte junge aber so schöne Lied: “Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus”, gespielt von unsern Jakobsdorfer Musikanten, wobei die Kinder und Jugendlichen kräftig mitsangen.

Es war ein erhebendes Gefühl diesen ersten Mai mitfeiern zu dürfen. Die Natur hatte meistens wieder ihr grünes Kleid angelegt, denn unwiderstehlich stieg der Saft in den Sträuchern und Bäumen. Die Heckenrosen fingen an zu blühen und auch manche Obstbäume steckten schon voller Knospen.

Nach dem Maienlied folgte ein flotter Polka und ein Marsch oder auch ein Walzer rundeten den Auftritt ab, denn dreie mußten es ein. Dann schmückten die Männer und auch die Buben ihre Mützen mit einem frischen grünen Zweig und auch die Mädchen nahmen etwas Grünes in die Hand und es begann der Abstieg.

Inzwischen war das Dorf erwacht, manche hatte auch das Maienlied aus dem Schlaf geholt und die Arbeit nahm ihren Lauf. Oft begann am ersten Mai wieder der Austrieb der Viehherden von manchen Wirten herbeigesehnt, weil das Futter in der Scheune knapp geworden war.  Von nun an wird man wie jedes Jahr, aufs neue, die Peitschen der Hirten in der Früh knallen hören, das Hoftürchen öffnet sich und heraus kommt das Vieh.

Verschämt dreinblickend, sieht man manchmal manche Nachbarin wie sie schnell ihre Kuh der Herde nachtreibt. Auf die neckische Frage:

    “Was ist Nachbarin, habt ihr heute verschlafen?”

kommt dann oft die Antwort:

    “Nein, aber diese verdammte Büffelkuh wollte sich heute wieder nicht melken lassen.”

 

Die Musikanten und ihre Begleitung waren nun wieder im Dorf. Jetzt galt es vor der Kanzlei, welche mitten im Dorf war, der Leitung der Gemeinde, dem Ortsnotär und dem Ortshannen, welche in meiner Kinderzeit noch alle beide Sachsen waren, ein maiständchen darzubringen, welche sich mit einem Trunk revanchierten.

Unten im Dorf, d.h. am unteren Dorfsrand dem Bahnhof zu, versammelte sich mittlerweile die Freiwillige Feuerwehr. Die Männer und Burschen schmückten ihre Mützen mit einem Zweig frischem Maiengrün. Wenn es am ersten Maientag noch kein frisches Grün gab, was auch manchmal vorkam, dann mußte eben ein grüner Tannenzweig den Dienst versehen.

Sie marschierten die lange Dorfstrasse entlang. Wenn sie dann bei dem Haus Nr. 78, dem Nachbarhaus von der “Kanzlei” angekommen waren, ertönte das Kommando von dem ältesten Zugführer, welcher an der Spitze des Zuges ging:

    “Achtung, die Augen rechts”,

und im tadellosen Paradeschritt, marschierten die Feuerwehrmänner an dem Obmann und Hauptmann, welche die Hand zum militärischen Gruß an den Mützenrand erhoben hatten, vorbei. Der Obmann als auch der Hauptmann hatten die Uniform der Freiwilligen Feuerwehr angezogen. Sie bestand aus einem blauen Uniformrock, auf welchem auf jeder Seite ein aus rotem Stoff großes F aufgenäht war, dazu die Uniformmütze, auch aus blauem Stoff, mit einem festem schwarzen Schild und Stiefel und Stiefelhosen. Nach dem Vorbeimarsch ertönte das Kommando:

    “Augen geradeaus”

und im Gleichschritt marschierten die Feuerwehrmänner in Richtung Allee weiter. Diese Parade war für mich der eigentlich Höhepunkt des Tages. Noch heute sehe ich vor meinem geistigen Auge meinen schon im Jahre 1939 verstorbenen Vater, wie er in Uniform dastehend, die Parade mit abnahm und ich konnte mich eines kleinen stolzen Gefühls nicht erwehren.

Dann fingen unsere Adjuwanten wieder an zu blasen und mit Marschmusik gingen alle auch in die Allee, denn hier wurde nun weiter gefeiert.

 

Der erste Mai war in meiner Kinderzeit eigentlich kein offizieller Feiertag auf dem Dorf. Nachdem meine Schwester Milli und ich, (Bruder Pit war beim Militär) aus der Allee Nachhause und gefrühstückt hatten, gingen wir mit unserer Mutter in den Weinberg zur ersten Hacke, in das Müßigfeld.

Unsere Augen richteten sich oft auf den Weg Richtung Dorf, man konnte aus unserem Weinberg gut hinsehen, aber unser Vater kam nicht mehr herbei. Er hatte mit seinen Feuerwehrleuten den Ersten Mai ausgiebig gefeiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als vieles anders geworden war und es auch keine Freiwillige Feuerwehr mehr gab, gingen unsere Musikanten doch noch in den “Zinken” am Ersten Mai, begleitet von Kindern und Jugendlichen. Auch in der kommunistischen Zeit erklang das Lied: “Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus”, in seiner alten schönen klangfülle und erwärmte unsere Herzen. Diejenigen die nun das Sagen hatten, es waren keine Sachsen mehr, bekamen aber auch ihr Ständchen.

Zum Lobe unserer nachfolgenden Bläsergenerationen muß ich sagen, dass auch sie versucht haben, diesen schönen Brauch zum erstem Mai nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Bis zu dem großen Exodus der Siebenbürger Sachsen im Jahre 1990, speilten unsere Musikanten in Jakobsdorf am Ersten Mai, im “Zinken” das Lied: “Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus”.