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Das wichtigste Ereignis dieses Jahres ist die General-Kirchenvisitation, die der Superintendent unserer Landeskirche Dr. Georg Daniel Teutsch in unserem Kirchenbezirk durchführt. In der Tat ein Ereignis. Noch keiner der Vorgänger dieses ungewöhnlich geistesmächtigen und tatkräftigen Mannes hat die General-Kirchenvisitation in solchem Umfang durchgeführt.
Am 20 Oktober dieses Jahres empfängt der Ortshann und Kurator Johann Grommes unter Aufsitzung der Gemeindevertretung und der erwachsenen männlichen Jugend an der Hattertgrenze den Superintendanten, der in Begleitung des Bezirksdechanten und Großschenker Pfarrers Karl Brantsch und des Bezirks-Konsistorial-Aktuars und Schönberger Pfarrers G. Adolf Schulerus von Seligstadt herkommt.
Unter Glockengeläut hält der Superintendent seinen Einzug in das Dorf, empfangen von Männern und Frauen, die zu beiden Seiten des Weges Spalier bilden. In der Nähe des Pfarrhofes ist die Schuljugend aufgestellt und singt das Lied: “Siebenbürgen Land des Segens”. Am Tor des Pfarrhofes steht der Pfarrer des Ortes samt dem Presbyterium und begrüßt achtungsvoll den Superintendenten, welcher dann am Eingang des Pfarrhauses von der Pfarrerin und den beiden Pfarrerstöchtern willkommen geheissen wird. Darauf stellt der Pfarrer dem Superintendenten das Presbyterium vor. Nach einer halbstündigen Pause wird zur Kirche geläutet und vor der vollzählig erschienenen Gemeinde predigt der Superintendent über Matth. 14, 14 - 16 in seiner ergreifenden und fesselnden Weise. Der Gottesdienst der mit Absingen von 145, 1.2. eingeleitet wurde, schließt mit der Aufführung des schönen gemischten Chores von Silcher: “Wie lieblich ist die Stätte”.
Unmittelbar an den Gottesdienst schließt sich eine kurze Prüfung der Schulkinder und Wiederholungsschüler an. Darauf treten die Geistlichen und Lehrer ab und der Superintendent fragt die Gemeinde ob sie irgendwelche Beschwerden und Klagen gegen die Amtsführung derselben vorzubringen habe. Die Gemeinde erklärt sich mit Amtsführung und Lebenswandel derselben zufrieden. Ebenso erklären Geistliche und Lehrer, dass sie keinen Grund zu irgendeiner Klage hätten. Der Abend des unvergesslichen Tages, der leider nicht durch schöne Witterung begünstigt war, da es abwechselnd regnete und schneite, war heiterer und zwangloser Unterhaltung gewidmet.
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Die Besichtigung der kirchlichen Gebäude und des Pfarrer und Presbyterial-Archivs die in zufriedenstellender Ordnung befunden wurden, nahmen den 21-ten Oktober in Anspruch. Dieser Tag sollte eigentlich ein Rasttag für den Superintendenten sein, aber für diesen außerordentlichen Mann besteht die Erholung in neuer Arbeit. Wo die Tüchtigsten und Besten endlich eine Grenze für ihre Arbeitskraft finden, da steht er allein unermüdlich da, maßlos fortdrängend und selbst keine Ruhe kennend. Am 22 Oktober scheidet der Superintendent unter feierlichem Geläute aus der Gemeinde, um das Geschäft der Kirchenvisitation in Probsdorf, Roseln und Agnetheln fortzusetzen. Aus Agnetheln rufen ihn, kaum dass er dort seines Amtes gewaltet, dringende Geschäfte an seinen Amtssitz und so bleibt sein Vorsatz, die Visitation des Schenker Kirchenbezirks noch in diesem Jahr zu beendigen, vorläufig unerfüllt. Gott erhalte den Mann unserem Volke und unserer Kirche noch viele Jahre in ungeschmälter Rüßtigkeit. Keiner vermöchte ihn zu ersetzen.Wilhelm KaufmannPfarrer von 1864 - 1901
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