Bericht M. Philp

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Ausschnitte aus dem Bericht von Martin Philp Nr. 123

Der schwarze Sonntag

(aufgeschrieben im Jahr 1945)

*12.07.1901  +06.07.1956

Bild von 1935

Der schwarze Sonntag, 14 Januar 1945. Träge hebt sich die Wintersonne. ...

... Ab und zu knarrt ein Fensterflügel in den Angeln. Blasse Angstgesichter mit starren Augen blicken dem Treiben dämonischer Gestalten zu. Die Jagd hat begonnen. Horden treiben durch die Gassen ihr teuflisches Spiel. Mütter weinen, Kinder irren. Gebete und Flüche brechen gewaltsam den Mund verzweifelter Menschenherzen. ...

... Die Weidmannsgestalten (Jäger, Treiber) in zerfetzten Überröcken (Winterjacken) tragen die entwendeten Flinten in Übermut und Stolz auf ihren Schultern. Von Gehöft zu Gehöft wird nach dem gehetzten Wilde gejagt.  ...

... Als ich in den Hausflur trat, empfing mich eine besondere Gesellschaft, bewaffnet und mit ernsten Mienen im Angesichte befohl sie mir, in kürzester Zeit, mich mitsamt meinen beiden Töchtern, Jinni und Helmi, für 18 Tage Lebensmittel und die nötigen Kleidungsstücke zur Internierung, fertig zu machen. Ohne jede Frage zu beantworten, verließen diese meinen Hof. ...

... Da waren fleißige Hände bemüht zu packen. Jedes kleine, eingepackte Teilchen, war mit bitteren Tränen benetzt (betränt).

Leise drang das Wort der Mutter über die Lippen: “Meine Kinder”.

Und dann wurde es wieder Stille. ...

... Da rückte schon wieder der Minutenzeiger vor. Meine Wanduhr hatte die neunte Morgenstunde geschlagen. Immer mehr fühlte ich den Schmerz des kommenden Scheidens. ...

... Schon taten fleißige Hände die fertig bereiteten Bündel zubinden, meine liebe Schwester Sofia das eine, Tante Hermine Girst das andere und meine treuherzige Gattin, das dritte. Da ward es stille.

Wir sahen uns alle gegenseitig fragend an. In meiner Seele donnerte es laut:

“Was hast du mit uns vor, oh Herr?“

Weine nicht mehr, du meine Liebe, wir sehen uns wieder. Dies waren meine Abschiedswörter in meinem eigenen Heim. Da rollte der Wagen vor, welcher uns samt Gepäck zur Sammelstelle nach Agnetheln führen sollte. ...

... Grommes Georg, unser treuer Freund zog die Zügel an und seine Pferde setzten den Wagen in Bewegung.

Ich musste noch einmal Rückblick halten, auf Garten, Hof, den alten Birnbaum vor meinem Haus, noch einen letzten Anblick meiner alten Dorfkirche und meiner Schule noch einen herzlichen Dank erstatten, noch einmal süße Heimatluft trinken, ja was sollte ich noch alles tun in den letzten Minuten dieses Scheidens.

Es war wohl ein schöner sonniger Wintertag, den Gott gnädig den seinen bescherte. Doch vor unseren Augen lag der dunkle Schleier der Verbitterung und hüllte den Feiertag in dunkles Schwarz.

Meine Blicke schweiften in die Weiten als ich in dem Gässchen talabwärts schritt. Die Gärten da drüben, die Hecken, die Weingärten in welchen zur Sommerzeit die Nachtigallen geschlagen, die steile Anhöhe mit den dunkelgrünen Tannen dort drüben, jenseits des Berges, mein eigen Land, das Erbe meiner Ahnen, dann manch liebes Plätzchen aus Zeiten der frohen Jugend, weckten stille Erinnerungen in den Tiefen meiner Seele. Scheiden von all den Schönheiten.

Hinaus, hinaus donnerte erstmal das grausige Schicksal.

Kaum das ich recht wusste stand ich inmitten einer weinenden Menschenmenge vor dem Rathaus meines Heimatdörfchens.

Hände reichen, Wünsche, Beten und Fluchen, Wehklagen, selbst den Tyrannen musste das Satansherz beben von diesen Ereignissen des schrecklichen Tages.

Am Ende des Dorfes hielten die Wagen dicht aneinander gereiht. Alles Volk umgab in scheidender Stunde die gebrandmarkten Kinder der Sachsen.

Nun aber fuhr der letzte Wagen vor und durch die Reihen bewegte sich murmelnd das Wort:

„Zur Abfahrt alles fertig!“

Oh du Schreckensbild, du letzter Augenblick voll Tränen in allen Augen. Du armes Mutterherz, deine Kleinen hält Großmutter in den Armen, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, Freunde, Verwandte und Bekannte, auch Männer und Frauen fremder Nationen, fühlen die Ungerechtigkeit solcher Taten an unschuldigen ehrlichen Bürgern des Staates. Sie alle weinen mit.

Nach letztem Händedruck meiner lieben Gattin, nach letztem Kuss meiner lieben Ulrike und gewaltsames Losreißen aller Glückseligkeiten, bestieg ich den bereits stehenden Wagen.

Schon fuhr der erste Wagen an, mein Gott, da stürmten alle Glocken mit ehrenden Klängen in alles Weinen und Wehklagen der scheidenden Menschenmenge. Es war das Geleite ja gewiss für manche und manches auch der Totengesang.

Da brachen die Herzen zusammen, nur Tüchlein wehten noch in der Luft.

Karawanen zur Wüste am unvergesslichen schwarzen Sonntag.

Erklärung:

  • Seine Eltern, Maria geb. Barthmes und Johann Philp, waren fromme fleißige Jakobsdorfer Bauern. Martin war das älteste Kind, hatte drei Schwestern, Maria, Sofia und Hermine, und einen Bruder, Johann.
     
  • Sein Vater wollte, dass Martin eine „höhere Schule“ besucht, doch das Schicksal stand dagegen. Der Vater musste in den 1. Weltkrieg ziehen und kehrte nie wieder zurück. Martin musste nun seine Mutter unterstützen und das tat er gerne. So konnte er schon als Kind viele Nächte alleine auf dem Felde bleiben. Er freute sich an Gottes Wunderwelt, betrachtete den Sternenhimmel, hörte die Vögel singen und sah die Blumen blühen. Diese Naturverbundenheit war die Erfüllung seines Traumes und die Natur bot ihm einen Quell, aus dem er den Stoff für seine vielen schönen Gedichte, Erinnerungen aus der Kindheit, Tischgebete, Weihnachtsgedichte, Neujahrswünsche, Ansprachen für Hochzeiten, Taufen, Trauerfeiern usw. schöpfte.
     
  • Im Mai 1923 heiratete Martin Philp die gute Seele Regina, geborene Baak. Ihre Ehe wurde gesegnet mit drei Töchtern, Regina, Helmine und Ulrike. Glaube, Liebe, Eintracht und Friede herrschte in der Familie.
     
  • Die friedliche Familie wurde entzwei gerissen. Vater Martin und die beiden Töchter Regina und Helmine wurden zur Zwangsarbeit verschleppt. Mit Gottes Hilfe kamen alle drei wieder nach Hause, zu Mutter und Ulrike.
     
  • Martin Philp dichtete vor, in und nach der Zwangsarbeitszeit. Immer hatte er einen kleinen Bleistift und ein wenig Papier dabei, war es auch eben nur von einem kleinen „Packel Tabak“. So hielt er seine Gedanken fest.
     
  • Liest man seine Werke, so spürt man einen Hauch von Wehmut.

Doch lassen wir den Dichter selbst zu Wort kommen:

    Dort, wo die Lerche an schönen sonnigen Frühlingstagen hoch in den Lüften ihr Liedchen singt,
    dort, wo auf grüner Wiese der Storch zur lieblichen Sommerzeit nach Beute suchend geht,
    dort, wo im Herbst durch die Äste der alten Weiden der rauhe Herbstwind weht,
    dort, wo zur kalten Winterzeit aufs tiefverschneite Ziegeldach die liebe Sonne blinkt,
    dort fließt in Windungen der Harbachfluß
    und bietet dem Wanderer den Willkommensgruß.
    Schönes glückliches Heimattal!

Wie sollte nun mir aber das Herz nicht höher schlagen, wie sollte es nicht vor lauter Freude jubeln, denn hier in diesem Tale erblickte ich am 12. Juli des Jahres 1901 das Licht der Welt. Meine Eltern sind Bauersleute. Aus ihrer eigenen Scholle schöpfen sie in Müh’ und Arbeit alle notwendigen Schätze zum Wohle ihrer Kinder.

    Dort, wo mühevoll tagein, tagaus in heißer Sommerglut des frommen Bauer‘s Seele klingt,
    dort, wo in der Abenddämmerung noch still vergnügt das Vöglein singt
    und nur dann endlich die müde Hand des Bauern ruht,
    dort grub ich still das Wort in meine Seele ein:
    „Hier sollst du einst ein freier, deutscher Bauer sein!“

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